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Konjunktur: Der Export weckt Hoffnung  

Wirtschaft: Die Ökonomen stochern im Nebel: Selten haben sie sich so schwer getan, die Wirtschaftsentwicklung vorherzusagen wie in diesem Jahr. Erholt sich Deutschland von der tiefsten Rezession der Nachkriegszeit oder droht Stagnation? Die Signale aus der Wirtschaft sind widersprüchlich - ein Überblick. VDI nachrichten, Düsseldorf, 5. 3. 10, ps

Was spricht gegen den Aufschwung?

Schwacher Start: Nach guten Ansätzen im zweiten und dritten Quartal verlief das vierte Quartal 2009 enttäuschend: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte laut Berechnungen des Statistischen Bundesamts (Destatis) in Wiesbaden. Und für das erste Quartal 2010 droht erstmals seit einem Jahr wieder eine schrumpfende Wirtschaftsleistung - auch weil der harte Winter vielen Branchen zu schaffen macht.

Kaum Investitionen: Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts wollen 54 % der befragten Unternehmen ihre Ausgaben 2010 auf dem niedrigen Niveau des vergangenen Jahres halten. Vom Absturz zu Beginn der Krise haben sich die Ausrüstungsinvestitionen bisher kaum erholt. Die geringe Auslastung der Kapazitäten bremst die Investitionstätigkeit. Erst wenn die Unternehmen wieder auf bessere Geschäfte hoffen können und sich die Investitionsneigung kräftigt, sprechen Ökonomen von einem stabilen Aufschwung.

Analysten sind skeptisch: Einen nachhaltigen Aufschwung trauen auch die vom ZEW befragten Analysten und Anleger der deutschen Wirtschaft nicht zu: Nach dem fünften Rückgang in Folge hat das Konjunkturbarometer den niedrigsten Wert seit Juli 2009 erreicht.

Besonders schlecht fällt die ZEW-Umfrage für den Konsum und den Handel aus. Aber auch für die Stahlindustrie werden keine rosigen Zeiten erwartet. Zwar erholt sich die Industrieproduktion insgesamt seit Mitte vergangenen Jahres leicht - doch nur auf niedriger Basis.

Geschäftsklima eingetrübt: Schlechte Nachrichten gab es in der vergangenen Woche auch aus München: Der als Barometer für die Geschäftsentwicklung geschätzte Ifo-Index ist überraschend gefallen. Bis dato war er zehn Monate in Folge angestiegen. Verantwortlich für den leichten Rückgang ist nach Ansicht des Instituts vor allem die Entwicklung im Einzelhandel, der im Februar einen Rückschlag erlitt. Im verarbeitenden Gewerbe tendierte das Geschäftsklima fast unverändert (siehe auch rechte Spalte).

Mieses Konsumklima: Die sich ausbreitende Schwäche im privaten Konsum wird vom Konsumklimaindex des Nürnberger Marktforschungsinstituts (GfK) bestätigt. Er fiel im Februar zum fünften Mal in Folge. Hatte der private Konsum die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr vor noch tieferem Fall bewahrt, so verliert er nunmehr an Kraft und droht in die seit Jahren zu beobachtende Lethargie zurückzufallen.

Inflation kehrt zurück: Die Zeit niedriger Verbraucherpreise geht womöglich zu Ende: Höhere Preise für Öl und Energie hinterlassen bereits wieder ihre Spuren in der Lebenshaltung. Der schwache Euro wirkt verteuernd auf die Importe.

Stagnierende Einkommen: Die durchschnittlichen Bruttoverdienste der Arbeitnehmer sind im vergangenen Jahr um 0,4 % auf gut 27 600 € gesunken - der erste Rückgang in der bundesdeutschen Gesichte. Zwar hat die Regierung die Arbeitnehmer zu Jahresbeginn steuerlich ein wenig entlastet (höhere Abzugsfähigkeit von Krankenkassenbeiträgen). Aber angesichts der Unsicherheit besteht die Gefahr, dass die leicht erhöhten Nettoeinkommen vor allem auf Sparkonten fließen.

Die GfK rechnet für 2010 deshalb mit einer Stagnation der privaten Ausgaben. Für den deutschen Einzelhandel erwartet Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), für 2010 Umsätze auf Vorjahreshöhe, was allerdings preisbereinigt einen Umsatzrückgang von 0,5 % bedeutete.

Was spricht für den Aufschwung?

Robuster Arbeitsmarkt: Die jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigen, dass der Arbeitsmarkt der Krise weiterhin trotzt. Jedenfalls bleibt er mit 3,6 Mio. arbeitslosen Menschen weit hinter den prognostizierten 5 Mio. Arbeitslosen zurück. Nach BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt ist die Nachfrage nach Arbeitskräften stabil. Alt rechnet auch für die nächsten Monate nicht mit einer Verschlechterung der Arbeitsmarktlage: "Wir werden einen Frühjahrsaufschwung haben, wie wir ihn jedes Jahr haben."

Der relativ strenge Winter schlug am Arbeitsmarkt bislang nicht durch. Dies hat die seit drei Jahren existierende Saisonkurzarbeit verhindert, die vor allem vom Bau genutzt wird. Auch die verlängerte Kurzarbeit, die immer noch von 800 000 Betrieben praktiziert wird, entlastet den Arbeitsmarkt und stabilisiert die Konjunktur.

Export erholt sich rasch: Hoffnungsvoll entwickelt sich der in der Krise tief eingebrochene deutsche Export. Die Ausfuhren legten zum Jahresende um 3 % zu und bilden die Stütze der deutschen Wirtschaft. Sie profitierten von der mittlerweile wieder anziehenden Weltwirtschaft. Auch im Euroraum - dem größten Absatzgebiet deutscher Exporteure - deutet sich eine konjunkturelle Erholung an: Derzeit präsentiert sich die Industrie der Euroländer immer mehr als Zugpferd der Wirtschaft. Für das erste Quartal wird mit dem kräftigsten Produktionswachstum seit drei Jahren gerechnet. Der Einkaufsmanagerindex für den Euroraum kletterte auf den höchsten Wert seit August 2007.

Schub durch schwächeren Euro: Zudem stärkt der schwächelnde Euro die Wettbewerbsposition der deutschen Exporteure im Dollarraum sowie gegenüber anderen Währungen. In den vergangenen Monaten hat die Gemeinschaftswährung etwa gegenüber dem Dollar kräftig verloren: Mussten ausländische Importeure für 1 € Anfang Dezember noch 1,51 $ hinblättern, zahlen sie inzwischen nur noch 1,35 $ - ein Segen für deutsche Exporteure.

Fazit: Nach den vorliegenden Daten ist nicht auszuschließen, dass die deutsche Wirtschaft im 1. Quartal wieder in eine leichte Rezession abgleitet. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn erwartet allerdings, dass sich nach dem ungewöhnlich harten und langen Winter die wirtschaftliche Erholung fortsetzt. Dabei vertraut er auf die von seinem Institut befragten 7000 Unternehmer und Manager, die die Aussichten für die kommenden sechs Monate zuletzt optimistischer einschätzten als noch im Januar.

Nach ZEW-Chef Wolfgang Franz steht uns möglicherweise eine "Wellblechkonjunktur" bevor: Ein leichtes Auf und Ab, ohne dass die Wirtschaft wieder durchstartet. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnet - trotz eines statistischen Überhangs von 0,5 %-Punkten (siehe Kasten) - für 2010 insgesamt nur mit einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum von 1,2 % - ein Auf ohne jeden Schwung.

Und es könnte noch deutlich schlimmer kommen: Griechenland hat seine Staatsverschuldung noch längst nicht im Griff. Auch Portugal, Italien, Spanien und Irland sind hoch verschuldet. Sollte eines der Länder seine Schulden nicht mehr bedienen können, droht eine Kettenreaktion. Sie könnte die Währungsunion sprengen und Europa in eine Rezession ziehen. DIETER HEUMANN/ps


Statistik schönt Wirtschaftswachstum  

 

-Mit einer Mitgift von 0,5 % ist die deutsche Wirtschaft ins neue Jahr gestartet. Sie ergibt sich aus dem „statistischen Überhang“ des Vorjahres. Was hat es damit auf sich? Ökonomen vergleichen jeweils die durchschnittliche Wirtschaftsleistung eines Jahres mit der anderer Jahre. Die Differenz zwischen dem Jahresdurchschnitt und dem Wert des 4. Quartals fließt – so die Konvention der Statistiker – als „Überhang“ (oder „Unterhang“) in das folgende Jahr. 2009 hat sich die Wirtschaft nach dem Einbruch im 1. Quartal im Laufe des Jahres erholt: Im 4. Quartal lag die Wirtschaftsleistung um 0,5 % über dem Durchschnitt des Gesamtjahres. Für 2010 heißt das: Selbst wenn die deutsche Wirtschaft stagnieren sollte, würde die Jahresstatistik ein Wachstum von 0,5 % ausweisen. ps

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