Restaurierung: Wo vor einem Jahr das Kölner Stadtarchiv einstürzte, gähnt heute eine Baugrube. In 12 m Tiefe liegt noch rund ein Zehntel der Archivbestände. In diesem Jahr wird ein Bergungsbauwerk errichtet, eine Art Kasten aus Betonpfählen, um die letzten Schätze mit Seilbaggern ans Tageslicht zu holen. VDI nachrichten, Köln, 5. 3. 10, ber
Rund 85 % der Archivalien wurden in den Monaten nach dem Einsturz geborgen - der Zustand der geborgenen Dokumente reichte von "kaum beschädigt" bis "total zerfetzt". Archivare und freiwillige Helfer aus aller Welt reinigten die Dokumente vom gröbsten Schmutz und verpackten sie in Kisten, um sie in sogenannten "Asyl-Archiven" in ganz Deutschland einzulagern.
Nasse Dokumente wurden eingefroren, damit sie nicht schimmeln. Sie müssen in Gefriertrocknungsanlagen aufgetaut werden, in denen das gefrorene Wasser direkt verdampft, ohne dass das Papier noch mal nass wird - und zwar bald, denn nach zwei Jahren im Eis bilden sich Kristalle und zerstören das Papier.
Um besonders wertvolle Stücke kümmerte sich Prof. Robert Fuchs, Leiter des Instituts für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft der Fachhochschule Köln, mit seinen Studenten. Für manche Schadensfälle wurden neue Restaurierungstechniken entwickelt, etwa für die Reinigung von Foto-Negativen.
"Die müssen innerhalb eines Jahres behandelt werden, sonst sind sie verloren", mahnt Fuchs. Ein Diplomand befasst sich mit der Trennung von Pergamentblättern, die nass geworden waren und trotz schonender Trocknung in einer Vakuum-Kammer zusammenkleben.
Manche Archivalien haben den Einsturz beinahe unversehrt überstanden, andere sind verschmutzt und zerrissen - bis hin zu ganz kleinen Fetzen, im Archivjargon "Köln-Flocken". Solche Schnipsel sollen mithilfe der Technik zusammengepuzzelt werden, die Dr. Bertram Nickolay am Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin entwickelt hatte, um die zerrissenen Stasi-Akten wieder zusammenzusetzen: Ein Scanner erfasst Farbe, Form und Schriftbild der Schnipsel, eine Software rekonstruiert die Seiten damit werden sie wieder lesbar und die Restauratoren haben eine Rekonstruktionsvorlage.
Dokumente aus der Zeit bis 1815 werden schon bald als Digitalkopie im Internet verfügbar sein. Diese Bestände waren auf Mikrofilm gesichert und in einem ehemaligen Bergwerksstollen im Schwarzwald eingelagert worden, dem "Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland". Aus den Filmen entsteht jetzt ein weltweit einmaliges Online-Archiv.
"Wir werden gezwungenermaßen sehr modern", sagte die Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaja den VDI nachrichten. Nach und nach würden die geborgenen und restaurierten Originale ebenfalls digitalisiert.
In Köln entsteht in den nächsten Monaten ein Digitalisierungs- und Restaurierungszentrum man rechnet mit Kosten von bis zu 500 Mio. €. Der Förderverein des Archivs sammelt Spenden, zudem soll eine Stiftung gegründet werden derzeit fehlen dafür aber noch Zusagen von Bund und Land. Schmidt-Czaja mahnt zur Eile: "Wenn es uns nicht gelingt, schnell genug ausreichende Restaurierungskapazitäten aufzubauen, verlieren wir vieles von dem, was die vielen Helfer mühsam geborgen haben." RENATE ELL